26.12.23 Tischlein deck dich, oder mein täglich Brot, Teil 6

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Ich hätte es nicht für möglich gehalten, oder vielleicht doch?…

Horsts Geschichte beschäftigt mich schreibtechnisch bereits seit dem 30.11. und auch heute, am 26.12. und nach fünf weiteren Folgen ist sie noch nicht zu Ende erzählt. Da gibt es soviel, was es zu erzählen wert ist, um einen guten Einblick in Horsts Lebensweg zu erhalten, damit man annähernd erkennen kann, welche Päckchen Horst auf seinen Schultern trägt. Ich selbst kenne auch den Inhalt mancher dieser Päckchen nicht. Aber das ist auch gut so. Jeder trägt ein Innenleben mit sich herum, welches nicht unbedingt öffentlich als Aushängeschild um den Hals herumbaumelt und nach Aufmerksamkeit ruft.

Wie ich bereits in irgendeiner dieser Episoden erwähnt habe, dient mir das Erzählen von Horsts Geschichte neben dem Erzählen von Schicksalen in dieser, meiner Arbeitswelt zum einen dafür, Horsts Problematik zu analysieren, die erfahrene Quintessenz in ein mögliches Lösungskonzept umzuwandeln und ihm die Wege aufzuzeigen, die ihn seinem Ziel näherbringen könnten. Zum anderen reflektiere ich meine eigenen Verhaltens- und Arbeitsweisen nach dem Motto:“ die guten ins „Köpfchen“, die schlechten ins „Nimmerwiedertöpfchen“.

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Nun geht’s weiter mit Teil 6 über Horst, einem, mit einem pseudonamentlich bekleidetem Menschen, den ich in meinem Arbeitsauftrag als Heilerziehungspflegerin pädagogisch begleite.

Als ich Horst damals, vor 8 Jahren von einer Kollegin übernommen habe, brachte er etwa stolze 140 kg auf die Waage. Obwohl er mit knapp 1,90 recht groß ist, sind das doch noch immer etliche Kilos zuviel. Horst war auch daher bereits in einer Reha-Klinik zum abnehmen und kennenlernen von gesunder Ernährung, die er dann möglichst im Alltag umsetzen kann. Horst kam mit 12 kg leichter aus der Kur zurück. Doch der Jo-Jo-Effekt nahm in ganz schnell wieder an die Hand und zeigte ihm, dass die Waage genüßlich die Gewichtsleiter nach oben steigen kann. Zum Schluss legte er über 10 kg mehr an Gewicht zu und hatte 150 kg.

Eines der Ziele bei der Begleitung war, Horst in gesunder Ernährung zu schulen, welches aufgrund seines Gewichts und der Diabetes II, dessen Langzeitwert die Grenzen erreichte, wichtig war. Das Schlimme an dem ganzen Dilemma war nur, dass es Horst zu keinem Zeitpunkt schaffte, sich irgendwelche Vorräte anzulegen um die Ernährungsweise auch nur annähernd zu optimieren. In vielen Gesprächen wurde hin- und her- und wieder zurück gedacht. Hier war zunächst keine Lösung zu finden. Horst war aber bereit, sein Gewicht zu reduzieren. Er merkte selbst, wie belastend es war und sogar kleine Anstrengungen ließen ihn wie eine Dampflok schnaufen und ächzen.

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Horst benötigte zum Beispiel neue Schuhe… bei der Anprobe lief ihm das Wasser nur so von der Stirn übers Gesicht. Zu diesem Zweck trug er stets ein Frotteetuch um den Hals, um sich damit das Gesicht wieder zu trocknen. Beim Einsteigen ins Auto mühte er sich, den Gurt in das Schloss zu befördern, versuchte dabei, den Bauch einzuziehen und stützte sich mit seinen Beinen am Boden ab, um sich möglichst weit nach hinten in den Sitz zu quetschen, da der Gurt zu kurz für den Bauchumfang war. Ich hatte jedesmal Angst um mein geliebtes Auto… zweimal wurde bereits der Beifahrersitz bei diesen Aktionen in der Führungsschiene eingeklemmt und man konnte den Sitz nicht mehr verstellen. Dass es auch so etwas wie Gurtverlängerungen gibt, habe ich zu dem Zeitpunkt noch nicht gewusst.

Dies nur, um ein wenig zu verdeutlichen, dass die Zeit mit Horsts Übermaß vieles in ihm und um ihn herum übermäßig schwierig und anstrengend war. Auf jeden Fall wollte Horst etwas daran ändern. Da er es alleine nicht schaffen konnte, haben wir gemeinsam überlegt, welchen Weg er mit Unterstützung gehen kann, um zum Ziel zu gelangen.

Zunächst wurde eine Liste an gesunden Lebensmitteln angefertigt. Viel Rohkost, wenig Kohlehydrate, ausgewogene Mahlzeiten und ab und an auch etwas Gewünschtes, was nicht gerade in die gesunde Kategorie passt.

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Da er ebenfalls auch mit dem Einteilen für die ganze Woche überfordert war und die ganze Menge an höchstens zwei Tagen ratzeputz vertilgen kann, kamen wir nicht umhin, alle zwei Tage für eben diese zwei Tage Lebensmittel einzukaufen. Am Freitag wurde dann für drei Tage gekauft. Die Testzeit begann, jedoch hat er auch hier schon Schwierigkeiten, die Tagesmahlzeiten aufzuteilen. Also haben wir dann wieder gesprochen und sechs Boxen gekauft, in denen die einzelnen Tagesrationen aufgeteilt wurden. Das klappte bislang auch nur bedingt. Irgendwo kommt mein Latein da auch zum Ende und wir versuchen es zumindest, irgendwie als Ritual aufrecht zu erhalten. Es gibt Horst immerhin eine stetige Struktur und würde ihn nur wieder zurückwerfen, wenn wir das Ritual beenden würden. Vergleichbar etwa mit Placebo- Medikamenten. Sie bewirken physisch nichts, aber die Psyche möchte glauben und erzeugt nur allein aus diesem Glauben ein positives Ergebnis.

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Allerdings haben wir, oder eher noch hat Horst ein einziges, riesiges Ziel erreicht! Er hat innerhalb von knapp 1,5 Jahren fast 50 kg abgenommen. Eine tolle Leistung auf die er wirklich stolz sein kann! Die Abnehmchallenge der 50 kg sind mittlerweile seit etwa vier Jahren geschafft. Jetzt geht es darum, dass er noch weitere, etwa 10 kg schafft.

Die nächste Challenge wird sein, dass eine geeignete Therapie in Gang gesetzt wird, um ihn bzgl. seiner Essstörung, der Sucht zu begleiten. Da sind meiner Kompetenz bei allen kreativen Ideen, Erfahrungsreichtum und Umsetzungen Grenzen gesetzt.

Des Weiteren hat Horst auch noch andere Ziele zu erreichen, die gemeinsam mit ihm besprochen sind. In den letzten Jahren haben wir uns darum kaum kümmern können, da die Essstörung fast sämtliche Zeit in Anspruch genommen hat.

Das Wichtigste ist aber bei aller Geduld, dass wir vorankommen, millimeterweise zwar, aber wir kommen voran. Jeder noch so kleine Schritt ist wichtig, solange er nur nach vorne geht in Richtung Ziel.

Ich werde euch auf dem Laufenden halten…

Nun wünsche ich euch im Kreise eurer Lieben einen gesegneten und wunderschönen 2. Weihnachtstag mit vielen Wohlfühlmomenten!

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