
Heute mag ich euch etwas über eine Klientin erzählen, die ich derzeit in ihrem Leben begleite. Ich nenne sie des Respekts und der Anonymität geschuldet, einfach Anna.
Gestern habe ich bereits begonnen, etwas über die Schaltzentrale Gehirn und der Verarbeitung von Gedanken, Erlebnissen und Arbeitsabläufen zu erzählen. Die Aufgaben des Gehirns sind so komplex, dass sie bis heute noch nicht vollends erforscht werden konnten. Es ist schon ein wahres Wunderwerk, das Ding, welches sich Gehirn nennt. Mit dieser exzellenten Präzision hat Mutter Natur uns im besten Fall ausgestattet.
Den Vorgang des Denkens und der Schubladenablage habe ich bereits gestern im ersten Teil beschrieben. So und ungefähr, wie ich mir das Procedere vorstellen könnte. Zum Schluss habe ich noch gefragt:
„Was aber, wenn die Dinge durcheinandergeraten?“
Damit kommen wir zu Anna, mittlerweile 64, Diagnose: Parkinson und Alzheimer Demenz, noch in eigener Wohnung lebend, von einem meiner Kollegen in der Bezugsbetreuung begleitet, der momentan für einige Zeit wegen einer Erkrankung ausfällt und den ich bei Anna vertrete…
Anna ist seit einigen Jahren KlientIn unserer ambulanten Betreuung. Sie war in ihrem vorherigen Leben lange Zeit Erzieherin in einem Kindergarten, hatte einen großen Freundeskreis, ein funktionierendes Leben mit Partner. Sie lebte ihr Leben zufrieden… zumindest, wenn sie heute davon erzählt.
Dann begann ein Prozess, schleichend und langsam, der Sorgen und Ängste mit sich brachte. Leise Ahnung, dass etwas nicht stimmt. Wortfindungsstörungen, Dinge verlegen, Termine vergessen, innere Unruhe und zittern. So, wie sich die Symptome häuften, verringerte sich mit der Zeit der Personenkreis um Anna herum. Zum Schluss wurde sie auch von ihrem Lebenspartner allein gelassen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie davor schon depressive Anzeichen hatte, oder sich im Laufe der Verabschiedung ihres „alten Lebens“ eine Depression entwickelt hat. Einzig und und ziemlich allein blieb ihr eine Freundin, die sie nun auch in der Rolle der gesetzlichen Betreuung unterstützt.
Das Schlimmste an dem ganzen Dilemma ist einfach, dass sie ihre Veränderung bewusst bemerkt. Wenn sie erzählt, kommen teilweise die abenteuerlichsten Geschichten dabei heraus. Zum Beispiel erzählte sie letztens, dass ihr Vermieter, der im gleichen Haus wohnt, nachts hochkam und meinte, sie solle die Haustür abschließen, wenn sie weggeht. Dann kommen Leute, die einen Schlüssel haben, sie aber trotzdem zur Haustüre nach unten holen, weil sie in den Keller wollen. Diese würden auch aufpassen, dass sie die Medikamente ordnungsgemäß einnimmt. Dabei könnte sie es ohne Weiteres auch selbstständig, meint sie entrüstet.
Anna ist auch in unserer Tagesstrukturgruppe, in der ich auch an einem Tag in der Woche eingesetzt bin. Dort holt sie mich schon mal zur Seite und erzählt mir, dass sie mal den ein oder anderen der Gruppenmitglieder pädagogisch begleitet und bei den Tätigkeiten anleitet. Sie fühlt sich in diesen Momenten wohl in der Rolle der Kollegin.
Anna besucht einmal in der Woche eine Parkinson- Selbsthilfegruppe und betreibt im Rahmen des Rehasports freitags von 11.30- 12.15 Uhr mit einer 12-köpfigen Gruppe Wassergymnastik. In der letzten Zeit ist sie häufig donnerstags oder samstags dort gewesen und es gelang den Physiotherapeuten nur mit Mühe, sie davon abzuhalten, ins Wasser zu gehen, da Anna fest der Überzeugung war, dass sie zur richtigen Zeit dort war. Anna konnte nicht verstehen, warum die Kollegen dort so abweisend waren. Sie hat dann eine Visitenkarte der Gruppenleiterin erhalten und wurde gebeten, dass ich sie anrufen möchte. Die Gruppenleiterin erklärte mir am Telefon die Problematik und ich bin mit ihr überein gekommen, dass ich von nun an, solange ich in der Vertretung bin, Anna zu den Terminen begleite und ihr verständlich mache, dass nur dann, wenn ich sie abhole, die Wassergymnastik stattfindet. Ihr gibt es nun, so scheint es, viel an Sicherheit und sie meinte letztens noch zu mir: „Komisch… jetzt wo du mitkommst, sind die Kollegen viel freundlicher als sonst. Vielleicht, weil ich nun nicht allein komme.“ Ich lasse die Aussage einfach als solches stehen, da ja doch ein wenig Wahrheit in ihr steckt.
Genauso hält es sich auch mit Friseurterminen. Wenn sie einen Termin bei ihrem Stammfriseur hat, ruft sie fast jeden Tag dort an und fragt, wann ihr Termin ist oder fährt dorthin und ist erstaunt, warum man sie ständig wegschickt.
So könnte ich noch viele Beispiele nennen… zum Verstehen dürfte es aber ausreichend beschrieben sein.
Wenn die Phase der Bewusstheit um ihre Erkrankung eintritt, erscheint sie wiederum ängstlich, hoffnungslos und zu einem großen Maße unsicher und verzweifelt. Eine der größten Ängste, ist die Angst, ihre Selbstständigkeit zu verlieren und von der eigenen Wohnung in ein Pflegeheim oder eine stationäre Wohneinrichtung zu müssen. Ihr wurde in den letzten Monaten häufig von den betreuenden Personen nahegelegt, sich darauf einzulassen.
Im Grunde genommen, wird es eines Tages so kommen, dass sie nicht mehr allein bleiben kann. Doch ist es in der momentanen Phase wirklich wichtig, ihr das letzte Maß an Selbstständigkeit zu nehmen? Ist es nicht derzeit wichtig, mit viel Sensibilität und Geduld nahezubringen, dass sie ihre Erkrankung akzeptieren lernt? Solange sie sich selbst nicht in lebensbedrohliche Gefahr bringt, indem sie vielleicht den Herd vergisst, auszustellen, wenn die Ölpfanne auf ihr steht oder Kerzen anzündet und sie vergisst?… Ich weiß nicht. Ich selbst stehe hier auch vor vielen Fragen und bin nicht sicher, was zu tun ist.
Hier lasse ich mich neben den wichtigen Strukturierungs- und Organisationsmaßnahmen, die ungemein wichtig sind ganz oft von meinem Bauchgefühl leiten. Mit ganz viel Gefühl und Geduld höre ich ihr zu, versuche, sie zu stärken und dennoch versuche ich ihr eine Akzeptanz zu vermitteln, da die Erkrankung Parkinson unheilbar ist. Wenn sie jedoch Frieden eher noch einfach „Waffenstillstand“ mit dem geschlossen hat, werden auch die Ängste weniger und ihr Leben ein wenig lebenswerter und wertschätzender machen.
Im Rahmen der Tagesstrukturgruppe habe ich mit ihr vor einigen Wochen, eine kleine Gewichtsdecke genäht, die ihre zitternden Beine ein wenig beruhigen. Diese Decke benutzt sie häufig und mag sie sehr, hat sie doch die Decke mitgestaltet.

Anna scheint es im Moment wirklich gut zu tun, dass ich sie derzeit in ihrem Leben begleite… Sie freut sich, mich zu sehen, ruft mich zwischendurch an, wenn ihre Ängste sie plagen und ist nach einem kurzen Gespräch wieder beruhigter. Ich scheine ihr Sicherheiten zu geben und meine endlose Geduld scheint ihr gut zu tun.
Das schönste Kompliment hat sie mir erst am Freitag gemacht… Als ich sie nach einem Einkauf nach Hause brachte, stieg sie aus und sagte: „ich hab dich lieb!“… einfach so. Das hat mich sehr berührt und scheint mir zu sagen, dass ich zumindest in ihren Augen alles richtig mache *****
Euch allen wünsche ich einen wunderbaren Sonntag mit vielen glücklichen Stunden!

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