3.12.23 Tischlein deck dich oder mein täglich Brot, Teil 2

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Um es kurz zu erwähnen… ich erzähle hier den zweiten Teil der vorgestern begonnenen Geschichte um Horst, einem Menschen, den ich im Rahmen meiner Arbeit als Heilerziehungspflegerin pädagogisch begleite. Horst ist Mitte 50, Diagnose: leichte Intelligenzminderung, Depression, wohnt allein und arbeitet Teilzeit in einer Werkstatt für psychisch beeinträchtigte Menschen.

Ich hatte bereits davon berichtet, dass Horst mit seinen Essattacken versucht, seine Bedürfnisse, die sich seit seiner Kindheit angehäuft haben, zu stillen . Er schafft es selbst heute noch nicht, seiner Seele genügend Nahrung zu geben, um sie zufriedenzustellen. Heute mag ich euch etwas zu den Verhaltensweisen erzählen, damit das eigentliche Thema der Essstörung von Horst noch einmal klarer wird und welche Schwierigkeit es für ihn bereitet, sich aus diesem Zustand zu befreien.

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Die Person in Horst und um ihn herum

Im Alltag möchte er kaum auffallen, hat kaum eine eigene Meinung, möchte jedermanns Liebling sein und hat 1a Strategien entwickelt, dass er versucht, nur das zu sagen, was er denkt, was jeder hören möchte und bloß nicht preisgeben zu müssen, was er fühlt, denkt und welche Meinung er selbst vertritt. Schon bevor wir mit den eigentlichen Aufgaben während unserer Termine beginnen, rattert er seine „nun sag schon, dass ich meine Aufgaben gut gemacht habe“- Liste herunter. Beispiel: „Ich habe hier nochmal gründlich die Wohnung geputzt“ dabei fällt mein Blick auf den Boden, auf dem immer noch die Kaffeeflecken von letzter Woche mitten im Raum auf dem gleichen Fleck sind und damit seiner Worte Lügen straft. Ich nehme dies zwar zur Kenntnis, gebe ihm aber zunächst zu verstehen, dass alles gut ist und trage seine Worte und meine erkannte Wahrheit in die Liste ein, um später alles den Sinn dahinter zu analysieren. Ich weiß nicht, wie oft ich schon mit ihm zusammengesessen habe und ihm versucht habe, zu erklären, dass Offenheit und Vertrauen ganz nah an der möglichen Lösungsfindung liegen. Das kann allerdings nur geschehen, wenn auch er dazu bereit ist.

Bereitschaft… Ist ein Mensch einfach so bereit, alte Gewohnheiten, Verhaltensweisen aufzugeben? Einfach so? Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und die Gewohnheiten sind wie nervige, klebrige Dinger, die den Schutzpanzer um uns herum noch fester und undurchdringlicher machen. Selbst die Verhaltensmuster, die uns nicht guttun, behalten wir. Denn damit wissen wir umzugehen, diese haben wir ertragen, sie geben uns Sicherheit, dass sich nichts ändern muss. Alles läuft genauso schlecht weiter, wie immer. Aber das kennen wir ja und wir müssen uns nicht auf unbekannten Wegen bewegen. Denn Bewegung, etwas Neues probieren, um uns das Leben zu erleichtern, das macht zunächst Unsicherheit und Unsicherheit macht Ängste frei… die Angst zu versagen. Hier, hinter unserem klebrigen Schutzpanzer, da kann uns so nichts etwas anhaben, hier sind wir wie in einem sicheren Kokon und versuchen alles, um die Metamorphose aufzuhalten, die uns Erleichterung bringen könnte, wobei die Betonung auf „könnte“ liegt. Alles kann, aber nichts muss…

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Nun wieder zurück von Horsts Verhaltensanalyse zu Horst, dem Mensch, wie er durch sein Leben schreitet. Horst benötigt viel und noch mehr Lob, um sich selbst wahrzunehmen, sich selbst den Rücken zu stärken. Er ist ein sehr ängstlicher Mensch, der sich am liebsten beim winzigsten Windhauch durch sein Gegenüber gepustet, ins nächste Mauseloch verkriechen möchte. Dabei ist er ein etwa 1,90 m großer und leicht korpulenter Mensch, der selbst in einem Wandschrank Schwierigkeiten hätte, sich unsichtbar zu machen. Ich arbeite als Bezugsbetreuerin mit Horst nun mittlerweile schon seit acht Jahren. Durch meine Art habe ich auch einen großen Teil seines Vertrauens erwirken können. Er öffnet sich in Gesprächen zwar immer noch nicht so wirklich, aber ich denke, dass er mir gegenüber zumindest 50 % von dem preisgibt, was in ihm vorgeht.

Ich weiß dieses Vertrauen wirklich zu wertschätzen. Ich hinterfrage vieles und setze die Antworten und meine Beobachtungen wie ein Puzzle zusammen und frage solange, bis die einzelnen Fragmente zusammenpassen und das Bild, welches sie ergeben, für mich schlüssig ist. Dabei versuche ich so behutsam, wie eben möglich vorzugehen, damit Horst nicht wieder in Richtung Mauseloch schielen muss. Ich betone in unseren Gesprächen auch immer wieder, dass ich ihm nur die Richtung vorgebe, er aber alleine entscheidet, wieviele Schritte er auf einmal gehen mag. Er ist ein erwachsener Mensch, der seine Entscheidungen selbst treffen soll, muss und auch darf. Bislang hat er schon viele Schritte nach vorne gewagt, hat viel Lob erhalten, was ihn befähigt, sich immer mal wieder Mut zu fassen, den nächsten zu wagen.

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Es ist nur immer mal wieder seltsam komisch, dass, sobald ich in Urlaub gehe, urplötzlich „krank“ geschrieben wird und nicht zur Arbeit gehen kann. Auch gerade in dieser Woche bin ich in Urlaub… und schwupp… hat sein Hausarzt wieder einmal Besuch von Horst. Ich glaube, jetzt schon sitzt er jeden Tag da und überlegt, wie und was er mir wieder erzählen kann, warum er nicht zur Arbeit konnte. “ Du weißt ja, ich bin ja die ganze Zeit immer zur Arbeit gegangen. Ich mach das nicht wie früher, dass ich ohne krank zu sein, einfach zu Hause geblieben bin. Aber diesmal fühlte ich mich wirklich nicht wohl -*hüstel*-. Du hörst ja auch, meine Stimme, oder? Der Arzt hat gesagt, das ist wieder so ein Infekt. Und ich mach das ja auch nicht mehr, dass ich dir nicht Bescheid sage, oder? Dann kannst du die Termine besser planen, wenn ich dir sage, wenn ich wirklich mal krank bin. Das mache ich doch gut oder? -*hüstel, hüstel, hüstel*-

Wie schon erwähnt… he wants to be evrybody’s Darling. -*lächel*-

Fortsetzung folgt…

Ich wünsche euch allen einen gesegneten und entspannten 1. Advent ❤

7 Antworten zu „3.12.23 Tischlein deck dich oder mein täglich Brot, Teil 2“

  1. Avatar von piri

    So, jetzt hast du mich herausgefordert doch einen Kommentar zu schreiben. Lob ist etwas, was meine Junioren (die ja auch behindert sind) immer wieder gerne herausfordern, und Lob tut auch gut – mögen wir doch alle gern. Nur ist es auch so, dass wir den geringsten Widerstand gehen (sagt man das so?) Horst ist wahrscheinlich ziemlich alleine, er sehnt sich nach jemanden. Jetzt werde ich nicht weiter analysieren, denn das ist nicht mein Job. Nur, was kannst du tun, dass er aus seiner Isolation rauskommt und nicht gleich in vermeintliche Krankheit flüchtet, wenn du mal nicht da bist?
    Ich finde den Beruf der Heilerziehungspflegerin sehr spannend und genau deswegen bin ich froh deinen Blog entdeckt zu haben.

    Liebe Adventsgrüße aus dem Dorf im wilden Süden, piri

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    1. Avatar von gedankenmusik

      Liebe Piri,
      du hast recht! Lob mögen wir alle gern! Besonders von den Menschen, die einem nahestehen. Und wenn wir dann gar mal schaffen, uns selbst ein Lob auszusprechen, haben wir wieder ein Stückchen auf der Prädikatenliste geschafft und gewinnen an Sicherheiten und Selbstvertrauen.

      Du hast es schon richtig erkannt, die Sache mit Horst. Er ist einsam und wünscht sich natürlich jemanden an seiner Seite. Es ist für ihn nicht einfach, Kontakte zu knüpfen. Bis vor ein paar Jahren war der einzige Kontakt der, wenn er an seinem Arbeitsplatz war. Das auch nur meist mit den Gruppenleitern und dem sozialen Dienst in der Werkstatt. Mittlerweile habe ich bei meiner Zusammenarbeit mit ihm zwei wöchentliche Kochaktionen mit weiteren männlichen Klienten integriert, die mittlerweile ganz gut und auch ohne meine Begleitung funktionieren. Der eine Klient ist ein Arbeitskollege aus einer anderen Abteilung, der weitere ist ein Klient der in einer anderen Werkstatt beschäftigt ist. So hat Horst freitags und samstags geplante Treffen mit gemeinsamem Kochen, essen und anschließend noch Gesellschaftsspielen integriert.
      Gerade sind wir dabei, dass es nicht nur bei diesen kurzen Treffen bleibt, sondern auch noch gemeinsame Unternehmungen wie Kinobesuch, Minigolfspielen oder Fahrradtouren geplant und durchgeführt werden. Dies alles allerdings kleinschrittig, um der Überforderung entgegenzuwirken.

      Daneben habe ich Horst auch schon mal bei meiner Samstagsgruppe „Bewusst Leben“, die einmal im Monat im Rahme meiner Arbeit stattfindet (es sind mittlerweile zumeist bis an die 16 Personen, die die Gruppe regelmäßig besuchen)… auf jedenfalls habe ich Horst hier auch schon mal kleine, von mir unterstützte Aufgaben erteilt, wie z. B. die Teilnehmer einzeln begrüßt und zum Platz geführt und ähnliches. So stärkt er seine Selbstwirksamkeit und fördert ihn in seinem Selbstbewusstsein. Das sind jetzt nur kleine Dinge, von vielen, die ebenfalls laufen oder in der Entwicklung sind. Wieviel Zeit bis zum Weiterkommen vergeht ist unbestimmt. Aber es kommt bei allem nur darauf an, dass es weitergeht.

      Tja, einerseits finde ich es leicht amüsant, wenn er meine Abwesenheit nutzt, um sich krankschreiben zu lassen. Auf der anderen Seite finde ich es nicht gut, da er sich augenscheinlich zu sehr von mir abhängig macht. Vor mir hat er Respekt, deswegen versucht er die Dinge auch so gut wie möglich zu machen, die Aufgaben zu erledigen. Aber er sollte es nicht wegen und für mich machen, sondern einzig und allein für sich selbst. Da habe ich noch nicht die abschließende Idee. Ich setze mich da jetzt nicht unter massiven Druck, daran etwas zu verändern. Umschreiben könnte man das mit einer winzigen Umdrehung eines Kaleidoskops, glaube ich… Eine kleine Drehung verändert das ganze Bild… hab ich mich verständlich ausgedrückt? Also, wenn Horst an anderer Stelle Selbstwirksamkeiten und Sicherheiten erfährt, gibt sich vielleicht auch automatisch eine Änderung in seiner Abhängigkeit von meiner Anwesenheit 😉 Wir bleiben dran!

      Den Beruf Heilerziehungspflege finde ich auch wirklich toll. Da kann ich meine ganze Kreativität einbringen, fühle mich wirklich wohl in der Arbeit mit den Menschen. Ich freue mich ebenfalls sehr und danke dir auch von Herzen, dass du meinen Blog entdeckt hast ❤
      LG Heike

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      1. Avatar von piri

        Natürlich hast du dich – für mich – verständlich ausgedrückt. Ganz kleine Veränderungen am Rädchen machen eine Menge aus. Das sehe ich bei meiner autistischen Tochter. Ich bin übrigens auch Asperger Autistin! Herzlichst piri (bitte klein schreiben) hier beschrieben:
        https://voller-worte.de/wieder/

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      2. Avatar von gedankenmusik

        Vielen Dank für deinen Hinweis liebe piri 😉 und vielen Dank für die Rückmeldung… ja, genauso habe ich es sagen wollen 😉
        LG Heike

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  2. Avatar von Clara Himmelhoch

    Ich schreibe ausführlicher, wenn ich mehr Zeit habe – ich bekomme Besuch – lasse es dir gut gehen.
    Gruß von Clara

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  3. Avatar von Clara Himmelhoch

    Jetzt habe ich nochmal den ganzen Artikel gelesen – und kann einfach nur sagen, dass ich vor dir und all deinen Kollegen den Hut ziehe – ich könnte nichts davon, auf keinen Fall die Geduld auf bringen, die für so eine jahrelange Therapie nötig ist.
    Und tschüss zu dir sagt Clara

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    1. Avatar von gedankenmusik

      Vielen lieben Dank Clara ❤ !
      Man wächst an seinen Aufgaben… -*lächel*- Damals hätte ich mir, glaube ich, auch nicht so wirklich vorstellen können, mit solchen Aufgaben umgehen zu können. Jetzt, mit der Erfahrung, die ich noch dazu sammeln konnte, finde ich es garnicht so schwer. Die Geduld, die oftmals einen Apnoe-mäßige Ausdauer haben muss, wird bei Erfolg ausreichend belohnt. Das ist das Schönste an allem… wenn man erfährt, dass man einem Menschen helfen konnte, sein Leben wieder lebenswert zu machen. Das ist jede Mühe wert!
      Liebe Grüße und einen wunderbaren Wochenstart wünsche ich dir!
      Heike

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