17.01.24 Lass mich nicht allein, Teil 3

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Weiter geht’s mit Teil 3 mit der Erzählung um Ramona (65 und anonymisiert)

Ramona hat wohl vieles in ihrer Kindheit erlebt, was Kinder nicht erleben sollten. Es ist uns nur sehr wenig davon bekannt. Es gibt keine Arztberichte und auch Familienmitglieder gibt es nicht mehr wirklich viele. Eine Nichte wohl, von mehr ist nicht bekannt.

So müssen wir den Iststand betrachten und Ramonas Erzählungen, wenn sie dann mal darüber spricht, abwägen, inwieweit dies glaubhaft ist. Ramona hat eine andere Wahrnehmung, ihre ganz eigene Wahrnehmung. Was für andere harmlos erscheint, ist für sie manchmal genau das Gegenteil. Sie erzählt von Prügel, auch oftmals mit Gegenständen, die sie ständig von den Eltern erhalten habe. Mit der älteren Schwester, die nun kürzlich verstarb, hatte sie auch kein gutes Verhältnis, wollte garnichts mehr mit ihr zu tun haben.

Wenn man bedenkt, dass ein Mensch mit einer geistigen Beeinträchtigung, die vermutlich vielleicht seit Geburt bestand, solchen Torturen in der Kindheit ausgesetzt war, kann sich nicht vorstellen, welch schlimme Auswirkungen es auf das ganze Leben im Leben dieses Menschen haben kann. Ein Schutzbefohlenes Wesen, welches noch mehr Unterstützung und Hilfe benötigt, kann sich nicht alleine wehren und ist dem Ganzen schutzlos ausgeliefert. Es war und ist immer noch grausam, dass es tagtäglich auch in der heutigen Zeit hinter verschlossenen Familienwohnungen passiert. Das macht etwas mit einer kleinen Kinderseele und die verschiedenen Generationen sind ein Spiegel der verwundeten Seelen. Kein Wunder, dass unsere Gesellschaft mehr und mehr Therapeuten benötigt, um Traumata zu bearbeiten.

Doch nun wieder zurück…

Es ist schon nicht einfach, sich mit der nötigen und professionellen Distanzhaltung Ramona gegenüber zu verhalten. Ich habe auch lange Zeit dafür gebraucht, denn sie weckt durch ihr Auftreten schon hin und wieder den Beschützerinstinkt. Anfänglich bin ich auch stets ans Telefon gegangen, wenn sie dann am Wochenende, ganz früh am Morgen oder nach Feierabend anrief. Das kam ihr natürlich zugute.

Zu 97% waren es dann aber auch wieder ganz banale Dinge, wie z.B. sie sich mal wieder darüber aufregte, dass man ihr angeblich aufzwingen würde, mehr Gemüse zu kaufen. Nur, weil man ihr während des Einkaufs vorgeschlagen hatte, mal das ein oder andere Gemüsepaket auszuprobieren.

Mittlerweile entscheide ich selbst, wann ich ans Telefon gehe, wenn sie anruft und wann ich den Anruf ignoriere. Dabei geht es mir besser, mein Anrufbeantworter hat da mehr Durchhaltevermögen und darf als „Sprachrohr“ herhalten. Man muss nur schauen, dass man möglichst wohlüberlegt handelt, denn es könnte ja irgendwann mal etwas wirklich wichtiges sein.

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In diesen Tagen, genauer noch, in den nächsten zwei Wochen werden meine Kollegin und ich dann doch wieder öfter ans Telefon gehen, um Ramona das Gefühl der Sicherheit zu geben, dass wir für sie da sind. Derzeit wird ihr Bad behindertengerecht umgebaut und sie musste am Mittwoch in eine Ferienwohnung in der Nähe ihrer Wohnung umsiedeln.

In dieser Übergangswohnung ist alles recht spartanisch eingerichtet und es ist auch nicht gerade sauber. Die Räume befinden sich in der zweiten Etage und sind über eine Wendeltreppe zu erreichen, die beschwerlich nach oben führt. Besonders wenn man körperlich nicht gerade auf der Höhe ist. Ausgeprägte Arthrose in beiden Knien und unsicheres Gangbild erschwert dann noch zusätzlich die Mobilität von Ramona. Die Ferienwohnung hat auch bereits recht schlechte Bewertungen in der Buchungsapp erhalten. Die gesetzliche Betreuung, die sich um die Wohnung gekümmert hat, hätte vielleicht doch mal besser bei der Wahl genauer hingeschaut.

Derzeit befindet sich die gesetzliche Betreuung auch noch in Urlaub und ist nicht zu erreichen. Jetzt liegt es derzeit an uns, Ramona die Zeit dort so angenehm wie möglich zu machen. Ihr zu zeigen, dass ihr Wohl uns wichtig ist und am Herzen liegt. Daher sind wir neben den üblichen Betreuungsstunden, die in dieser Zeit ein wenig ausgedehnt werden, auch telefonisch jeden Tag für sie. Wir telefonieren beide mindestens einmal täglich mit ihr. Zumindest solange, bis sie wieder zurück in ihre eigene Wohnung kann.

Es wird wohl dann auch nochmal schwierig werden, die Telefonate wieder auf ein normales Level herunterzudrosseln befürchte ich. Vielleicht sind wir dann wieder abwechselnd die „Bösen“, die für die anderen Klienten viel mehr Zeit haben als für sie und fühlt sich vernachlässigt. Aber das ist jetzt gerade im Moment eine Ahnung, für deren Lösung erst dann gesorgt wird, wenn es an der Zeit ist. Wir leben im Jetzt und nicht in der Zukunft.

Bis dahin hat Ramona, sofern machbar, Sonderrechte, die sie auch gerne in Anspruch nehmen kann, wenn sie uns braucht, auch am Wochenende.

Ich wünsche euch von ❤ Herzen ein wunderbares Wochenende! Nehmt euch die Zeit für Schönes und für eure Lieben um euch herum. Zeit ist eine Kostbarkeit und mit der Liebe und Zuneigung gepaart, ein Juwel, welches zu hüten ist und nicht verschwendet werden sollte.

2 Antworten zu „17.01.24 Lass mich nicht allein, Teil 3“

  1. Avatar von Clara Himmelhoch

    Heike, ich finde es so faszinierend wie abschreckend, was in unserer Gesellschaft passiert – vielleicht sogar viel mehr als früher, weil die Menschen so stark unter Leistungsdruck stehen, ihren Alltag schaffen müssen und dabei Kinder oft im Weg sind oder stören – und die müssen es dann sehr, sehr oft als Erwachsene austherapieren. Im Bekanntenkreis das Adoptivkind, das der Mutter nicht klug genug war und sie keine Geduld hatte, um es vielleicht mit Hilfe zu probieren – nein, da wurde der Kleiderbügel für Schläge missbraucht.
    Bloß gut, dass wir jetzt bessere Telefone haben, wo man gleich auf dem Display erkennen kann, ob man abnehmen will oder nicht.
    Vielleicht sollte ich meinen Computer heiraten, damit ich auch jemanden ab, der für mich sorgt oder für den ich sorgen kann.
    Ein erholsames WE auch für dich wünscht
    Clara

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    1. Avatar von gedankenmusik

      Liebe Clara, da stimme ich dir zu. Ich finde es auch erschreckend, was damals und selbst heute noch hinter verschlossenen Türen vor sich geht. Leidtragend sind dabei ganz oft die Kinder. Diese kennen es nicht anders und geben das den nächsten Generationen ebenfalls mit. Es ist wie ein ewiger Kreis, den man nicht aufhalten kann. Wir können nur eines tun… unsere Augen im richtigen Moment öffnen, reagieren und dabei aufpassen, unsere Eindrücke nicht fehlzuinterpretieren. Genau hinschauen und nicht vorschnell urteilen.

      Lächel** ja, das mit dem Display auf den heutigen Telefonen erleichtert uns das Annehmen des Gesprächs schon sehr! Ach ja, und mein Wochenende war recht erholsam und mit Musikdingens voll gefüllt ❤ Heute gehts aber wieder ans Werk… naja, vom Wochenende hätte ich schon noch gerne etwas mehr Zeit gehabt. Es ist viel zu viel Kreativmöglichem liegengeblieben, da hätte ich schon ganz gerne noch n bisschen mehr Zeit gehabt.
      Einen angenehmen Start in die Woche wünsche ich dir liebe Clara!
      LG Heike

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