
Um es kurz zu erwähnen… ich erzähle hier den zweiten Teil der vorgestern begonnenen Geschichte um Horst, einem Menschen, den ich im Rahmen meiner Arbeit als Heilerziehungspflegerin pädagogisch begleite. Horst ist Mitte 50, Diagnose: leichte Intelligenzminderung, Depression, wohnt allein und arbeitet Teilzeit in einer Werkstatt für psychisch beeinträchtigte Menschen.
Ich hatte bereits davon berichtet, dass Horst mit seinen Essattacken versucht, seine Bedürfnisse, die sich seit seiner Kindheit angehäuft haben, zu stillen . Er schafft es selbst heute noch nicht, seiner Seele genügend Nahrung zu geben, um sie zufriedenzustellen. Heute mag ich euch etwas zu den Verhaltensweisen erzählen, damit das eigentliche Thema der Essstörung von Horst noch einmal klarer wird und welche Schwierigkeit es für ihn bereitet, sich aus diesem Zustand zu befreien.

Die Person in Horst und um ihn herum
Im Alltag möchte er kaum auffallen, hat kaum eine eigene Meinung, möchte jedermanns Liebling sein und hat 1a Strategien entwickelt, dass er versucht, nur das zu sagen, was er denkt, was jeder hören möchte und bloß nicht preisgeben zu müssen, was er fühlt, denkt und welche Meinung er selbst vertritt. Schon bevor wir mit den eigentlichen Aufgaben während unserer Termine beginnen, rattert er seine „nun sag schon, dass ich meine Aufgaben gut gemacht habe“- Liste herunter. Beispiel: „Ich habe hier nochmal gründlich die Wohnung geputzt“ dabei fällt mein Blick auf den Boden, auf dem immer noch die Kaffeeflecken von letzter Woche mitten im Raum auf dem gleichen Fleck sind und damit seiner Worte Lügen straft. Ich nehme dies zwar zur Kenntnis, gebe ihm aber zunächst zu verstehen, dass alles gut ist und trage seine Worte und meine erkannte Wahrheit in die Liste ein, um später alles den Sinn dahinter zu analysieren. Ich weiß nicht, wie oft ich schon mit ihm zusammengesessen habe und ihm versucht habe, zu erklären, dass Offenheit und Vertrauen ganz nah an der möglichen Lösungsfindung liegen. Das kann allerdings nur geschehen, wenn auch er dazu bereit ist.
Bereitschaft… Ist ein Mensch einfach so bereit, alte Gewohnheiten, Verhaltensweisen aufzugeben? Einfach so? Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und die Gewohnheiten sind wie nervige, klebrige Dinger, die den Schutzpanzer um uns herum noch fester und undurchdringlicher machen. Selbst die Verhaltensmuster, die uns nicht guttun, behalten wir. Denn damit wissen wir umzugehen, diese haben wir ertragen, sie geben uns Sicherheit, dass sich nichts ändern muss. Alles läuft genauso schlecht weiter, wie immer. Aber das kennen wir ja und wir müssen uns nicht auf unbekannten Wegen bewegen. Denn Bewegung, etwas Neues probieren, um uns das Leben zu erleichtern, das macht zunächst Unsicherheit und Unsicherheit macht Ängste frei… die Angst zu versagen. Hier, hinter unserem klebrigen Schutzpanzer, da kann uns so nichts etwas anhaben, hier sind wir wie in einem sicheren Kokon und versuchen alles, um die Metamorphose aufzuhalten, die uns Erleichterung bringen könnte, wobei die Betonung auf „könnte“ liegt. Alles kann, aber nichts muss…

Nun wieder zurück von Horsts Verhaltensanalyse zu Horst, dem Mensch, wie er durch sein Leben schreitet. Horst benötigt viel und noch mehr Lob, um sich selbst wahrzunehmen, sich selbst den Rücken zu stärken. Er ist ein sehr ängstlicher Mensch, der sich am liebsten beim winzigsten Windhauch durch sein Gegenüber gepustet, ins nächste Mauseloch verkriechen möchte. Dabei ist er ein etwa 1,90 m großer und leicht korpulenter Mensch, der selbst in einem Wandschrank Schwierigkeiten hätte, sich unsichtbar zu machen. Ich arbeite als Bezugsbetreuerin mit Horst nun mittlerweile schon seit acht Jahren. Durch meine Art habe ich auch einen großen Teil seines Vertrauens erwirken können. Er öffnet sich in Gesprächen zwar immer noch nicht so wirklich, aber ich denke, dass er mir gegenüber zumindest 50 % von dem preisgibt, was in ihm vorgeht.
Ich weiß dieses Vertrauen wirklich zu wertschätzen. Ich hinterfrage vieles und setze die Antworten und meine Beobachtungen wie ein Puzzle zusammen und frage solange, bis die einzelnen Fragmente zusammenpassen und das Bild, welches sie ergeben, für mich schlüssig ist. Dabei versuche ich so behutsam, wie eben möglich vorzugehen, damit Horst nicht wieder in Richtung Mauseloch schielen muss. Ich betone in unseren Gesprächen auch immer wieder, dass ich ihm nur die Richtung vorgebe, er aber alleine entscheidet, wieviele Schritte er auf einmal gehen mag. Er ist ein erwachsener Mensch, der seine Entscheidungen selbst treffen soll, muss und auch darf. Bislang hat er schon viele Schritte nach vorne gewagt, hat viel Lob erhalten, was ihn befähigt, sich immer mal wieder Mut zu fassen, den nächsten zu wagen.

Es ist nur immer mal wieder seltsam komisch, dass, sobald ich in Urlaub gehe, urplötzlich „krank“ geschrieben wird und nicht zur Arbeit gehen kann. Auch gerade in dieser Woche bin ich in Urlaub… und schwupp… hat sein Hausarzt wieder einmal Besuch von Horst. Ich glaube, jetzt schon sitzt er jeden Tag da und überlegt, wie und was er mir wieder erzählen kann, warum er nicht zur Arbeit konnte. “ Du weißt ja, ich bin ja die ganze Zeit immer zur Arbeit gegangen. Ich mach das nicht wie früher, dass ich ohne krank zu sein, einfach zu Hause geblieben bin. Aber diesmal fühlte ich mich wirklich nicht wohl -*hüstel*-. Du hörst ja auch, meine Stimme, oder? Der Arzt hat gesagt, das ist wieder so ein Infekt. Und ich mach das ja auch nicht mehr, dass ich dir nicht Bescheid sage, oder? Dann kannst du die Termine besser planen, wenn ich dir sage, wenn ich wirklich mal krank bin. Das mache ich doch gut oder? -*hüstel, hüstel, hüstel*-
Wie schon erwähnt… he wants to be evrybody’s Darling. -*lächel*-
Fortsetzung folgt…
Ich wünsche euch allen einen gesegneten und entspannten 1. Advent ❤

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