4.02.24 Lebensspuren, Teil 2

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Triggerwarnung: Sensible Inhalte

Diese Erzählung enthält eine Darstellung des Todes eines kranken Menschen, der in seiner Wohnung aufgefunden wird. Die Beschreibung des Todes und der Umstände kann belastend sein. Bitte sei dir bewusst, dass der Inhalt Trauer und emotionale Reaktionen hervorrufen kann.

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In meinem Arbeitsumfeld und der ambulanten Betreuung habe ich schon seit Jahren immer wieder Urlaubs- oder Krankheitsvertretungen für einen Kollegen bei einem unserer Klienten übernommen. Nennen wir den Klienten aus Datenschutz- und Respektgründen heute Wolfram.

Wolfram, ein Mittsechziger wird schon seit vielen Jahren im Rahmen des ambulant betreuten Wohnens betreut, wohnt allein in einer Zweiraumwohnung und interessiert sich für Elektronik und Modellbau. Als er noch Betreuer in die Wohnung ließ, zeigte er mir mal, ich glaube, es war die Gorch Fock, ein ehemaliges Schulschiff, ein Segelschiff und Dreimaster, welches im Original in Bremerhaven seinen Heimathafen hat. Wolfram erzählte, dass er lange Zeit daran gearbeitet habe und dass er sehr stolz auf das Ergebnis sei. Als nächstes irgendwann wollte er die Apollo 13 als Modellbau nachbauen.

Wolfram, ein gelernter Fernsehtechniker, hat sich ebenfalls gerne für sich selbst und auch immer wieder für andere mit Reparaturen von Elektrogeräten beschäftigt. Für diesen Service war er bei Nachbarn und seinem Umfeld bekannt und man hat seine Dienste gerne in Anspruch genommen.

So weit ich mich erinnere, hat er auch nie über Verwandte gesprochen. Meines Erachtens ist da niemand weiteres mehr.

Wolfram litt bereits seit Jahren an COPD, einer schweren Lungenerkrankung, hatte ein Blasenkarzinom, welches mehr oder weniger erfolgreich behandelt wurde. Des Weiteren zusätzlich eine Augenerkrankung, die viele Op`s nach sich zog, deren Heilungsweg es ihm lange Zeit erschwerte, bzw. unmöglich machte, seine Hobbys zu pflegen. In dieser Zeit war Wolfram oft, bzw. ständig krankgeschrieben.

Dazu eine Depression, die ihm das Leben neben allen anderen Erkrankungen erschwerte. Es war schon ein riesiges Paket, welches Wolfram auf seinen Schultern trug.

Vor Jahren war er noch in einer beschützten Werkstatt der Lebenshilfe beschäftigt, auch leihweise auf dem ersten Arbeitsmarkt, was ihm Wertschätzung vermittelte.

Wolfram hatte in der Werkstatt eine Freundin, inwieweit dies platonischer Natur oder mehr war, ist nicht bekannt. Als er dann immer häufiger krankgeschrieben war, bezog sich der Kontakt zumeist auf Telefonate. In den letzten Jahren hatte er nur noch wenig bis gar kein Kontakt zu ihr.

Durch die schwere Lungenerkrankung hatte Wolfram ständig Angst, sich mit irgendwelchen Viren anzustecken, hatte Panik, sobald irgendjemand in seinem näheren Umfeld rauchte. Auch wenn dieser irgendjemand 10 Meter entfernt war. So groß war seine Angst, wieder in Luftnot zu geraten.

Aus diesem Grund hat er auch nie an den Freizeitaktionen wie Sommerfesten, Adventsstimmung und dergleichen teilgenommen. In den letzten Monaten wurde er durch seinen Bezugsbetreuer oder mich in der Vertretung zu Ärzten begleitet und zum wöchentlichen Einkauf. Nach dem Einkauf, wenn es ihm an diesen Tagen einigermaßen gut ging, wurde in einem Café gemeinsam Kaffee getrunken und über Alltagsthemen gesprochen. Da Wolfram ansonsten, so vermutet, kaum bis gar keinen Kontakt in seinem privaten Umfeld, außer uns noch seinen gesetzlichen Betreuer pflegte, war dies immer eine gerngesehene und willkommene Abwechslung für ihn.

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Um nun langsam zum eigentlichen Thema zu kommen, welches mich in den letzten Tagen sehr beschäftigt und mich sehr nachdenklich und auch traurig macht…

Wolfram ist am letzten Wochenende verstorben, irgendwann im Zeitraum vom 26.01- 28.01. 2024. Wann genau, weiß man nicht.

Ich habe in den letzten anderthalb Wochen wieder mal die Vertretung für meinen Kollegen bei Wolfram übernommen. Um nicht das ganze Procedere aufzuzählen, kurz nur dazu, dass, nachdem Wolfram telefonisch nicht erreichbar war, mit Absprache und Austausch mit meiner Vorgesetzten die Feuerwehr gerufen wurde, diese die Wohnungstüre aufgebrochen haben und Wolfram leblos vorgefunden wurde. Der übliche Vorgang folgte, Notarzt und anschließend Polizei und Kripo, um den Ablauf zu klären.

Wolfram weilt nun nicht mehr unter uns in dieser Welt… Wenn es dann wirklich, wie vermutet, niemand Anverwandten mehr gibt… Was bleibt von ihm? Er wird nach Abschluss der Kripoarbeit anonym bestattet, keine Information darüber, welche Ursache sein Tod hatte, wie er verstarb.

Wenn ich jetzt so nachdenke, warum mich die Situation nachdenklich macht, ist es wahrscheinlich die Tatsache, dass man kaum Antworten erhält, um den nötigen Frieden mit seinen Gedanken zu finden. So bleibt nur die eigene Vorstellung. Ich hoffe, dass er nicht lange leiden musste und schnell eingeschlafen ist. Grundsätzlich schätze ich, dass es wohl eine Erlösung für ihn war, wenn auch viel zu früh.

Da lebt ein Mensch unter uns, einsam, allein in den letzten Lebensjahren und verschwindet genauso, wie er gelebt hat. Wo bleiben da die Spuren?

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Ich habe am Tag des Auffinden abends eine Kerze für ihn angezündet als letzten Gruß, verbunden mit dem Wunsch, dass er nun seinen Frieden gefunden hat.

R.I.P. P.R.

10 Antworten zu „4.02.24 Lebensspuren, Teil 2“

  1. Avatar von Trude

    🫂

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    1. Avatar von gedankenmusik

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  2. Avatar von karfunkelfee

    Das, was sich so ohnmächtig anfühlt, immer wieder, ist die Einsamkeit, die viele sehr kranke Menschen immerfort begleitet. Unwillkürlich kommen die Fragen: wie war dieses Sterbenmüssen? Bei der Geburt sind in der Regel viele drumherum, die Mutter, der Vater, die Hebamme. Doch gestorben wird allein, angsterfüllt und schmerzvoll. So geht Tod in Deutschland. Ausgelöschte Lebens-Geschichten. Ein anonymes Grab. Bitte weitergehen…

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    1. Avatar von gedankenmusik

      Damit hast du leider vollkommen recht! Danke für deine Worte/ Zeilen! ❤
      Es ist und wird traurig bleiben… Obwohl wir in unserem nahen Umfeld daran etwas ändern können, zumindest im Rahmen unserer Möglichkeiten. Für den, der es kann und bereit dazu ist, wäre es wünschenswert, wenn man sich ein wenig Zeit nimmt für die Einsamen und Kranken. Ich habe bereits ein paar Sterbebegleitungen innerhalb der Familie und auch bei unseren betreuten Klienten gemacht und doch fühlt es sich für einen selbst so an, dass man nicht genug getan hat…
      Man kann nur hoffen, dass die Menschen möglichst friedlich hinüberschlummern, wenn das Leben zu Ende ist.
      Liebe Grüße

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  3. Avatar von Clara Himmelhoch

    Liebe Heike, ich bin weder mit Wolfgang bekannt noch verwandt, trotzdem möchte ich dir dafür danken, dass du eine Kerze für ihn angezündet hast und an ihn etwas länger als eine Minute gedacht hast, sonst hättest du nicht diesen Beitrag geschrieben.
    Gewundert hat mich lediglich, warum ihr als Betreuer keinen Wohnungsschlüssel hattet, so dass die Feuerwehr erst die Wohnung aufbrechen musste. Wollte er das nicht oder darf das nicht sein, sondern erst dann, wenn der Klient nicht mehr richtig laufen und aufstehen darf.
    Das mit dem unbemerkt und einsam sterben kann aber auch passieren, wenn Freunde und Verwandte da sind, sogar im Blog ist es ja schon mehrfach passiert. Wenn man nicht ein Notfallarmband trägt oder noch drücken kann und nicht täglich eine Rückmeldeaktion vereinbart hat, kann es bei Rentnern schon passieren, dass ihr Tod längere Zeit nicht bemerkt wird. Das Fehlen von Arbeitnehmern wird außerhalb des Urlaubs bemerkt, aber wer bemerkt schon wo, wenn ein Rentner fehlt.
    Ich wünsche ihm auch nachträglich, dass er nicht leiden musste. H. war – abgesehen von seiner schweren Krankheit – innerhalb von ganz wenigen Minuten tot.
    Einen lieben Gruß an dich

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    1. Avatar von gedankenmusik

      Liebe Clara,
      ich fand es auch wichtig und es war mir ein Bedürfnis, die Kerze für „Wolfram“ anzuzünden. So habe ich wenigstens ein wenig das Gefühl, mich bei ihm zu verabschieden und hoffe, von wo er auch nun immer herabschaut… dass er es gespürt hat. Wie auch immer…
      Einen Wohnungsschlüssel für Notfälle haben wir in der Regel von allen Klienten, sofern sie nicht grundsätzlich dagegen sind. Ich meine auch, dass von Wolfram einer existiert oder existiert hat. Kann vielleicht sein, dass er mal gebraucht wurde oder irgendwo deponiert war, aber nicht in unseren Schlüsselkästen im Büro. Ich kann es mir bis jetzt noch nicht erklären. Der Bezugsbetreuer ist derzeit immer noch krankgeschrieben, werde ihn aber fragen, was mit dem Schlüssel ist… da es mich auch interessiert.
      Es stimmt auch, dass Arbeitnehmer oder Menschen, die privat gut in der Gesellschaft eingebunden sind, eher noch die Chance haben, rechtzeitig oder überhaupt gefunden zu werden. Da wäre es wirklich wünschenswert, dass wir alle ein wenig mehr auf unsere Mitmenschen zu achten und zu reagieren, wenn jemand mal einige Zeit „verschwindet“.

      Liebe Grüße
      Heike

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  4. Avatar von Rosa

    Traurig. Ich kann gut nachempfinden, was dich umtreibt, liebe Heike. Leider wird es immer Menschen geben, die allein sind oder irgendwann bleiben, oder auch sein wollen und sich von allen abschirmen (kenne ich). Wir müssen wirklich aufmerksam sein und solche Menschen nicht ganz ihrem Schicksal überlassen, ihnen nach Möglichkeit helfen …
    Danke für deinen, so nachdenklich machenden, Text!
    Herzliche Grüße
    Rosa
    PS: Sollte im Titel nicht das Datum 4.02.24 stehen statt 4.01.24?

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    1. Avatar von gedankenmusik

      Finde ich auch liebe Rosa!
      Vielen Dank auch fürs Lesen meines Textes 😉 Ich bin mir sicher, das du ebenso wissen wirst, dass, wenn man Eindrücke oder Gedanken niederschreibt, die einen beschäftigen oder bedrücken, nicht mehr ganz so belasten. Man lässt sie ein wenig los und kann besser damit abschließen. So habe ich auch das Gefühl, dass ich dem Klienten mit meinem kleinen „Nachruf“ etwas bleibendes geschaffen und mich gleichzeitig würdig verabschiedet habe. Das tröstet sehr!
      Liebe Grüße
      Heike

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  5. Avatar von gsharald

    Hallo Heike,

    vielen Dank für diesen Beitrag. Leider liest man das immer öfter, dass Menschen alleine sterben und auch über längere Zeit von niemandem vermisst werden. Ich denke, dass der Wandel unserer Lebensverhältnisse mit sich. Früher lebte die komplette Familie bei- und miteinander. Heute verlassen die Kinder in der Regel zu einem bestimmten Alter ihr zuhause um ein eigenes Leben zu beginnen. Bei vielen klappt der Aufbau eines eigenen Lebens nicht und sie leben als Single. Kontaktscheue Personen haben dann keine Freunde oder sonstige Kontakte. Oft leben wir anonym nebeneinander her und speziell in der Stadt kennt einer den anderen nicht selbst wenn sie direkt nebeneinander wohnen.

    Vielleicht war es ja für Wolfram eine Erlösung von seiner heimtückischen Krankheit.

    Liebe Grüße, Harald

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    1. Avatar von gedankenmusik

      Lieber Harald,
      ich denke auch, dass es für Wolfram eine Erlösung war, denn er war durch das COPD so dermaßen eingeschränkt, hatte gleichzeitig Panik vor möglichen Luftnotattacken und hat sich von den meisten Menschen (außer den Betreuern) zurückgezogen. Aus Angst, sich mit Atemwegserkrankungen zusätzlich anzustecken. Ich glaube auch fast, dass er es sich gewünscht hat, bald „gehen zu können“, damit er seinen Frieden hat.
      Ich bin da ganz deiner Meinung, wie du schreibst, dass wir alle irgendwie anonym nebeneinander her wohnen und oftmals nicht wissen, wie es den nächsten Nachbarn geht. Man möchte nur seine Ruhe haben, wenn man von der Arbeit nach Hause kommt. Selbst ich kann mich oftmals davon nicht wirklich freisprechen… schade und beschämend für mich zugleich.

      Liebe Grüße
      Heike

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