Triggerwarnung: Sensible Inhalte
Diese Erzählung enthält eine Darstellung des Todes eines kranken Menschen, der in seiner Wohnung aufgefunden wird. Die Beschreibung des Todes und der Umstände kann belastend sein. Bitte sei dir bewusst, dass der Inhalt Trauer und emotionale Reaktionen hervorrufen kann.

In meinem Arbeitsumfeld und der ambulanten Betreuung habe ich schon seit Jahren immer wieder Urlaubs- oder Krankheitsvertretungen für einen Kollegen bei einem unserer Klienten übernommen. Nennen wir den Klienten aus Datenschutz- und Respektgründen heute Wolfram.
Wolfram, ein Mittsechziger wird schon seit vielen Jahren im Rahmen des ambulant betreuten Wohnens betreut, wohnt allein in einer Zweiraumwohnung und interessiert sich für Elektronik und Modellbau. Als er noch Betreuer in die Wohnung ließ, zeigte er mir mal, ich glaube, es war die Gorch Fock, ein ehemaliges Schulschiff, ein Segelschiff und Dreimaster, welches im Original in Bremerhaven seinen Heimathafen hat. Wolfram erzählte, dass er lange Zeit daran gearbeitet habe und dass er sehr stolz auf das Ergebnis sei. Als nächstes irgendwann wollte er die Apollo 13 als Modellbau nachbauen.
Wolfram, ein gelernter Fernsehtechniker, hat sich ebenfalls gerne für sich selbst und auch immer wieder für andere mit Reparaturen von Elektrogeräten beschäftigt. Für diesen Service war er bei Nachbarn und seinem Umfeld bekannt und man hat seine Dienste gerne in Anspruch genommen.
So weit ich mich erinnere, hat er auch nie über Verwandte gesprochen. Meines Erachtens ist da niemand weiteres mehr.
Wolfram litt bereits seit Jahren an COPD, einer schweren Lungenerkrankung, hatte ein Blasenkarzinom, welches mehr oder weniger erfolgreich behandelt wurde. Des Weiteren zusätzlich eine Augenerkrankung, die viele Op`s nach sich zog, deren Heilungsweg es ihm lange Zeit erschwerte, bzw. unmöglich machte, seine Hobbys zu pflegen. In dieser Zeit war Wolfram oft, bzw. ständig krankgeschrieben.
Dazu eine Depression, die ihm das Leben neben allen anderen Erkrankungen erschwerte. Es war schon ein riesiges Paket, welches Wolfram auf seinen Schultern trug.
Vor Jahren war er noch in einer beschützten Werkstatt der Lebenshilfe beschäftigt, auch leihweise auf dem ersten Arbeitsmarkt, was ihm Wertschätzung vermittelte.
Wolfram hatte in der Werkstatt eine Freundin, inwieweit dies platonischer Natur oder mehr war, ist nicht bekannt. Als er dann immer häufiger krankgeschrieben war, bezog sich der Kontakt zumeist auf Telefonate. In den letzten Jahren hatte er nur noch wenig bis gar kein Kontakt zu ihr.
Durch die schwere Lungenerkrankung hatte Wolfram ständig Angst, sich mit irgendwelchen Viren anzustecken, hatte Panik, sobald irgendjemand in seinem näheren Umfeld rauchte. Auch wenn dieser irgendjemand 10 Meter entfernt war. So groß war seine Angst, wieder in Luftnot zu geraten.
Aus diesem Grund hat er auch nie an den Freizeitaktionen wie Sommerfesten, Adventsstimmung und dergleichen teilgenommen. In den letzten Monaten wurde er durch seinen Bezugsbetreuer oder mich in der Vertretung zu Ärzten begleitet und zum wöchentlichen Einkauf. Nach dem Einkauf, wenn es ihm an diesen Tagen einigermaßen gut ging, wurde in einem Café gemeinsam Kaffee getrunken und über Alltagsthemen gesprochen. Da Wolfram ansonsten, so vermutet, kaum bis gar keinen Kontakt in seinem privaten Umfeld, außer uns noch seinen gesetzlichen Betreuer pflegte, war dies immer eine gerngesehene und willkommene Abwechslung für ihn.

Um nun langsam zum eigentlichen Thema zu kommen, welches mich in den letzten Tagen sehr beschäftigt und mich sehr nachdenklich und auch traurig macht…
Wolfram ist am letzten Wochenende verstorben, irgendwann im Zeitraum vom 26.01- 28.01. 2024. Wann genau, weiß man nicht.
Ich habe in den letzten anderthalb Wochen wieder mal die Vertretung für meinen Kollegen bei Wolfram übernommen. Um nicht das ganze Procedere aufzuzählen, kurz nur dazu, dass, nachdem Wolfram telefonisch nicht erreichbar war, mit Absprache und Austausch mit meiner Vorgesetzten die Feuerwehr gerufen wurde, diese die Wohnungstüre aufgebrochen haben und Wolfram leblos vorgefunden wurde. Der übliche Vorgang folgte, Notarzt und anschließend Polizei und Kripo, um den Ablauf zu klären.
Wolfram weilt nun nicht mehr unter uns in dieser Welt… Wenn es dann wirklich, wie vermutet, niemand Anverwandten mehr gibt… Was bleibt von ihm? Er wird nach Abschluss der Kripoarbeit anonym bestattet, keine Information darüber, welche Ursache sein Tod hatte, wie er verstarb.
Wenn ich jetzt so nachdenke, warum mich die Situation nachdenklich macht, ist es wahrscheinlich die Tatsache, dass man kaum Antworten erhält, um den nötigen Frieden mit seinen Gedanken zu finden. So bleibt nur die eigene Vorstellung. Ich hoffe, dass er nicht lange leiden musste und schnell eingeschlafen ist. Grundsätzlich schätze ich, dass es wohl eine Erlösung für ihn war, wenn auch viel zu früh.
Da lebt ein Mensch unter uns, einsam, allein in den letzten Lebensjahren und verschwindet genauso, wie er gelebt hat. Wo bleiben da die Spuren?

Ich habe am Tag des Auffinden abends eine Kerze für ihn angezündet als letzten Gruß, verbunden mit dem Wunsch, dass er nun seinen Frieden gefunden hat.


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