
Vor fünf Jahren waren die Wiesen noch etwas grüner, war der Sommer etwas anders, die Hitzeperioden brachen nicht mit brachialer Gewalt über uns herein und machten uns Sorge, wie das noch alles enden wird.
Vor 10 Jahren haben wir uns nicht vorstellen können, zumindest ich nicht, dass ein irgendwer über dem großen Teich an die Macht kommt und ein Riesenspielzimmer seiner wirren Machenschaften erbaut, in dem er sich über Lianenschwingend von einer Ecke zur anderen Seite katapultieren lässt. Marionetten rekrutiert und manipuliert, wenn ihm danach ist. Dabei wurde das „danach sein“ immer häufiger im Laufe der Zeit.
Vor 15 Jahren habe ich noch nicht geahnt, dass ich den 1. November eines jeden Jahres als 2. Geburtstag willkommen heiße und mich in einem beschenkten, mehr noch, geschenktem Leben erlebe und froh bin, diese Lebenschance zu haben. Dabei habe ich damals auch die andere Seite ganz kurz erlebt und wäre nicht abgeneigt gewesen, dort zu bleiben. Doch das Leben und mein eigenes Schicksal hatte anderes mit mir vor und irgendwie ist es gut so gewesen, wie es gekommen ist.
Vor 25 Jahren habe ich noch nicht geahnt, dass mir in meinem Leben noch die ganz große Liebe begegnet, die mein Leben von Grund auf auf den Kopf stellen wird. Welche neben meinen Kindern einen unermesslichen Schatz beherbergt, welcher sich tief in mir in meinem Seelengrund vergräbt und dort zur Ewigkeit verbleiben wird. Bis der letzte Atemzug erklingt, wird auch diese Liebe nicht weniger werden, das weiß ich genau. Sie hat mich geprägt, wie keine andere Liebe zuvor, bei der ich dachte:“ Das ist es jetzt… das muss die Liebe sein, von der manche schwärmen. Heute und rückblickend kam sie in der Realität und Irrealität erst 2002 in meinem Leben an. Meine große Liebe wacht seit einem Jahr nun von oben über mich und verbleibt in meiner Ewigkeit in meinem Herzen. … in loving Memory forever ❤
Vor 30 Jahren habe ich noch nicht geahnt, dass ich mal diesen beruflichen Weg einschlagen würde, den ich bis jetzt voller Inbrunst und Freude beschreite. Fast jeden Tag aufs Neue entdecke ich weitere Schlüssel und passende Schlösser, die ich öffnen kann und hinter denen vieles zu entdecken ist, welches repariert oder instand gesetzt werden will. Den Menschen zugute sein, die Hilfe benötigen. Die Hilfe, sei es in ihrer geistigen oder seelischen Beeinträchtigung ist dabei nicht die Frage, sondern welcher Schlüssel in deren Schloss sich als passend erweist.
Meine Empathiefähigkeit und die vielseitige Kreativität ermöglichen mir häufig, ein wenig den Weg für diese Menschen zu ebnen, ein paar Blümchen an den Rand zu pflanzen, Steine und Steinchen aus dem Weg zu räumen, damit es ihnen leichter fällt, den Weg selbstständiger zu beschreiten, Selbstwirksamkeit und auch Selbstwertgefühl gepaart mit Zukunftsvertrauen mit jedem Blümchen auf dem Weg, welches sie nach und nach zu pflücken und in den Blumenstrauß in ihrer Hand einzureihen, nach vorne zu schauen und Zuversicht in ihre Zukunft erhalten. Soviel, bis es reicht, dass sie meine Hand loslassen können um alleine weiterzugehen.
Die Erlebnisse, die ich dabei erlebe, lassen mich demütig werden und ich freue mich mindestens ebenso, wie die Schützlinge, die mir anvertraut werden, wenn ich beim wachsen ihrer eigenen Kräfte zuschauen und sie schützend ein Stück des Weges begleiten darf.
Vor 40 Jahren habe ich noch nicht geahnt, dass ich heute zwei wunderbare Kinder mein eigen Fleisch und Blut nennen darf. Ihnen beim wachsen und Erwachsenwerden über viele holprige Wege die Hand reichen, Pflaster auf aufgeschürfte Knie kleben und manchmal auch auf den Mund kleben muss, wenn sie im grauen Zeitalter der Pubertätshormone ankommen.
Mein Sohn Sascha wird in diesem Jahr bereits 40 und lebt mit seiner Beeinträchtigung in einer eigenen Wohnung, wird innerhalb der Eingliederungshilfe im ambulant betreuten Wohnen betreut. Ich bin stolz auf ihn, dass er sein Leben so gut es geht, meistert und dass ich ihm in seinen vielen Unsicherheiten noch jetzt immer mal wieder ein Rettungsanker, wenn so garnichts mehr gehen will, sein darf. Das bedeutet, dass ich für ihn einen sicheren Ort bieten kann, den er nutzen kann. Dabei versuche ich stets, ihm nur das zu bieten, wo er wirklich überfordert ist und nicht seine Bequemlichkeit zu unterstützen die er durchaus auch an den Tag legen kann – lächel… mein *Pappenheimer* ich kenn ihn halt…
Meine Tochter Sabrina mit ihren mittlerweile 36 Jahren wird in 3 Tagen heiraten nach über 17 Jahren „wilder“ Ehe und sie schenkte mir einen Enkel, der im Dezember diesen Jahres bereits 17 wird. Es macht mich stolz, dass auch Sabrina ihren Weg gefunden hat. Einen Weg, zwar, mit vielen kleinen Seelenstolpersteinen, die sie aber trotz aller äußeren und inneren Umstände aus dem Weg räumt oder sie geschickt umfährt, damit sie nicht fällt. Was ich ihr auf ihrem Weg wahrscheinlich mitgegeben habe, ist ihr großes Empathieempfinden und den Gerechtigkeitssinn. Sie arbeitet auch im sozialen Bereich beim gleichen Träger wie ich und ist damit Tochter, aber auch Kollegin.
Vor 50 Jahren habe ich noch nicht geahnt, dass in dem Jahr mein langer 9-jähriger Leidensweg mit einem Knall endet und sich mein Peiniger, der sich mein Erzeuger nannte, sich selbst aus dem Leben verabschiedet. Heute noch bin ich immer noch froh darüber und weiß genau, dass es so kommen musste, damit ich überleben kann.
Vor 63 Jahren habe ich noch nicht geahnt, was das Leben alles für mich bereit hält. Ich habe Täler, Schluchten, Hügel und wahre Berge im Laufe meines Lebens durchquert und gemeistert, bin, bin zu einer Meisterin meiner Selbst und meines Tuns auf dieser Welt geworden. Ich sehe selbst noch in einem Marienkäfer das Potential, welches ihn zum Leben beflügelt… na, okay, das war jetzt vielleicht ein bissen zu erhaben *lächel* … ich entschuldige mich für meine Muse, die mal wieder überdreht ihre Runden in meinen Hirnwindungen dreht.
Vor 64 Jahren hätte ich noch nicht zu ahnen gewagt, dass ich aus dem Nichts in dieses, mein Leben plumpse.
Und nun, da ich da bin und auf mein Leben zurückblicke, kann ich nur feststellen, dass nicht alles so schlecht lief mit allen Hürden, Kanten und Ecken, mit allen Steinen und Steinchen im Lebensweg.
Und nun werfe ich meinem Spiegelbild im Bad ein leises Lächeln entgegen und warte ab, was mich heute an Leben und erleben erwarten mag.
Euch allen ein wunderbares, lächelnd machendes Wochenende!


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